Energie verstehen
Überblick

Stromnetz

Von der Turbine bis zur Steckdose — und die Physik an jeder Station

Kraftwerk Generator ~20 kV Aufwärts- Trafo → 380 kV Übertragungs- netz 380 kV · 100s km Umspann- werk 110/20 kV Ortsnetz- Trafo → 230 V Haus & Steckdose 230 V · 50 Hz Klick auf eine Station → springt zum Abschnitt
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Kraftwerk — hier entsteht der Strom

~20 kV
Kraftwerk Neurath — Kohlekraftwerk mit Kühltürmen
Kraftwerk Neurath · CC BY-SA 3.0 · Tetris L

Egal ob Kohle, Gas, Kernkraft oder Wasser — im Kraftwerk dreht sich eine Turbine. Und eine drehende Turbine dreht einen Generator. Das ist im Kern alles.

Im Generator rotiert ein starkes Magnetfeld in einer Spule. Dieses wechselnde Magnetfeld erzeugt Wechselspannung — das Faraday'sche Induktionsprinzip. Die Turbine liefert die mechanische Leistung $P = F \cdot v$, der Generator wandelt sie in elektrische Leistung $P = U \cdot I$ um. Die Einheit ist dieselbe: Watt.

Die Spannung direkt am Generator liegt typischerweise bei 10–20 kV. Das ist schon viel — aber für den Transport viel zu wenig.

10–20 kV
Generatorspannung
500–1600 MW
typische Leistung
35–45 %
Wirkungsgrad (Kohle/Gas)

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Aufwärts-Transformator — Spannung hoch, Strom runter

→ 380 kV
Maschinentransformator 180 MVA, 10 kV → 110 kV, Kraftwerk Donaustadt Wien
Maschinentransformator, Kraftwerk Donaustadt · CC BY-SA 4.0 · wdwd

Direkt hinter dem Kraftwerk steht der erste Transformator. Er macht etwas scheinbar Verrücktes: Er schraubt die Spannung von 20 kV auf 380 kV hoch — Faktor 19. Was passiert mit dem Strom? Er sinkt um denselben Faktor. Die Leistung $P = U \cdot I$ bleibt gleich.

Warum dieser Aufwand? Wegen der Verluste. Jede Leitung hat Widerstand, und Verlustleistung ist $P_{\text{Verlust}} = I^2 \cdot R$. Strom geht im Quadrat ein. Bei 19-fach höherer Spannung ist der Strom 19-fach kleiner — die Verluste also $19^2 = 361$-fach kleiner. Nicht 19-mal weniger. Dreihunderteinundsechzigmal weniger.

Transformator-Verhältnis
$$\frac{U_1}{U_2} = \frac{N_1}{N_2} \qquad \Rightarrow \qquad \frac{I_1}{I_2} = \frac{N_2}{N_1}$$
$N_1, N_2$Windungszahl Primär- / Sekundärseite
$U_1, U_2$Spannung Primär- / SekundärseiteV
Beispiel: 1 GW bei 20 kV → Strom = 50.000 A. Dieselbe Leistung bei 380 kV → Strom ≈ 2.600 A. Verlust in 100 km Leitung (R ≈ 3 Ω): bei 50.000 A wären das 7,5 GW Verlust — mehr als die erzeugte Leistung. Bei 2.600 A: nur 20 MW, also ~2 %.
> 99 %
Wirkungsgrad Trafo
100–1600 MVA
typische Leistung
Faktor 361
Verlustreduzierung bei 19× U

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Übertragungsnetz — Strom über Hunderte Kilometer

380 kV
Hochspannungs-Freileitungen in Himberg, Österreich
Hochspannungs-Freileitungen · CC BY-SA 4.0 · C. Stadler/Bwag

Die Hochspannungsmasten, die man aus dem Zugfenster sieht — das ist das Übertragungsnetz. Es verbindet Kraftwerke, Windparks und Regionen miteinander. In Deutschland betreiben vier Übertragungsnetzbetreiber (50Hertz, Amprion, TenneT, TransnetBW) etwa 35.000 km Leitungen.

Warum 380 kV und nicht 500 oder 700? Es ist ein Kompromiss: Höhere Spannung spart Verluste, aber stellt höhere Anforderungen an Isolation, Abstände und Sicherheit. In Europa hat sich 380 kV als Standard für das Höchstspannungsnetz etabliert.

Ein wichtiger Effekt: Das Netz ist ein zusammenhängendes System. Wenn ein Kraftwerk ausfällt oder eine Windregion wenig liefert, gleicht das Netz das automatisch aus — Strom fließt aus anderen Regionen nach. Das hält die Frequenz stabil bei 50 Hz.

~35.000 km
Leitungslänge DE
1–3 %
Verlust pro 100 km
50 Hz
Netzfrequenz Europa
Frequenz = Gleichgewicht: Wenn mehr Strom verbraucht als erzeugt wird, sinkt die Netzfrequenz unter 50 Hz. Generatoren werden gebremst — ihre Rotationsenergie wird abgebaut. Bei Überproduktion steigt die Frequenz. Das Netz ist ein physikalischer Echtzeit-Indikator für das Angebots-Nachfrage-Gleichgewicht.

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Umspannwerk — die Kreuzung im Stromnetz

380→110→20 kV
380-kV-Schaltanlage im Umspannwerk Westerkappeln (Amprion)
Umspannwerk Westerkappeln · CC BY-SA 4.0 · Adl252

Ein Umspannwerk ist der Knotenpunkt, an dem mehrere Leitungen zusammenlaufen, die Spannung stufenweise reduziert wird und der Strom auf regionale Netze verteilt wird. Hier stehen neben Transformatoren auch Leistungsschalter, Trennschalter und Schutztechnik.

Die Spannung wird nicht in einem Schritt von 380 kV auf 230 V reduziert. Das passiert stufenweise: 380 kV → 110 kV (Hochspannung) → 20 kV (Mittelspannung) → 400/230 V (Niederspannung). Jede Ebene hat ihre eigene Infrastruktur und Zuständigkeit.

380 kV
Höchstspannung
Übertragungsnetz. Verbindet Kraftwerke und Regionen über hunderte Kilometer. Betrieb durch die 4 Übertragungsnetzbetreiber.
110 kV
Hochspannung
Regionales Verteilnetz. Verbindet Umspannwerke innerhalb einer Region. Typisch für Städte und Industriegebiete.
20 kV
Mittelspannung
Verteilung in der Stadt. Versorgt Ortsnetz-Trafos, große Gewerbekunden und Industrieanlagen direkt.
~1000
Umspannwerke in DE
3 Ebenen
Spannungsebenen
ms-schnell
Fehlerabschaltung

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Ortsnetz-Transformator — der graue Kasten auf deiner Straße

20 kV → 230 V
Trafostation an der Lindenpromenade in Strausberg
Ortsnetz-Trafostation, Strausberg · CC BY-SA 4.0 · Molgreen

Der unscheinbare Metallkasten an der Straßenecke oder im Keller eines Wohnhauses ist der letzte Transformator in der Kette. Er wandelt 20.000 V auf 400 V / 230 V um — den letzten Faktor von ~87.

Der Ausgang hat drei Phasen plus Neutralleiter. Zwischen zwei Phasen liegen 400 V — das benutzen große Elektrogeräte wie Durchlauferhitzer oder Drehstrommotoren in der Industrie. Zwischen einer Phase und dem Neutralleiter liegen 230 V — das ist die Haushaltssteckdose.

Ein Ortsnetz-Transformator versorgt typischerweise 100–400 Haushalte. Wenn viele gleichzeitig Elektroautos laden oder Wärmepumpen laufen, kann das die Kapazität überlasten — das ist aktuell eine der zentralen Herausforderungen beim Ausbau der Energiewende.

400–630 kVA
typische Leistung
100–400
versorgte Haushalte
~500.000
Ortstrafos in DE

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Hausanschluss & Steckdose — das Ende der Kette

230 V · 50 Hz
Stromzähler und Sicherungskasten im Hausanschluss
Stromzähler & Sicherung · CC BY-SA 4.0 · Zimin.V.G.

230 V, 50 Hz. Aber was bedeuten diese Zahlen genau?

230 V ist der Effektivwert (RMS). Die Spannung ist Wechselstrom — sie schwingt 50-mal pro Sekunde sinusförmig zwischen +325 V und −325 V. Der Spitzenwert ist $\hat{U} = 230 \cdot \sqrt{2} \approx 325\,\text{V}$. Der Effektivwert von 230 V ist die "äquivalente Gleichspannung" — eine 230 V Gleichspannungsquelle würde denselben Heizeffekt erzeugen.

50 Hz ist die Netzfrequenz. Sie entstand historisch, weil frühe Generatoren gut bei 3000 U/min betrieben wurden und 50 Hz sich daraus ergab (mit 2 Polpaaren). Die USA wählten 60 Hz — deshalb laufen Geräte aus Übersee manchmal nicht korrekt in Europa.

Leistung an der Steckdose
$$P = U \cdot I = \frac{U^2}{R}$$
$P$Leistung des GerätsW
$U$Netzspannung230 V
$I$Strom des Geräts = P / 230A
Beispiele: Wasserkocher 2000 W → 8,7 A. Herd (Platte) 2000 W → 8,7 A. E-Auto-Ladung (11 kW Wallbox) → 16 A pro Phase über alle 3 Phasen. Die Standardabsicherung eines Haushaltsstromkreises sind 16 A — das entspricht maximal ~3,7 kW pro Stromkreis.
325 V
Spitzenwert ( Û = 230·√2)
16 A
Standardabsicherung
3500 kWh
Ø Jahresverbrauch Haushalt